====== Unterschiede ====== Hier werden die Unterschiede zwischen zwei Versionen gezeigt.

Link zu der Vergleichsansicht

Beide Seiten, vorherige Überarbeitung Vorherige Überarbeitung
Nächste Überarbeitung
Vorherige Überarbeitung
Nächste Überarbeitung Beide Seiten, nächste Überarbeitung
aneignung_braucht_fremdheit [2012/06/29 13:03]
suendi
aneignung_braucht_fremdheit [2012/06/29 13:07]
suendi
Zeile 22: Zeile 22:
  
 Am Aneignungsmodell,​ wie es bei Marx wirksam geworden ist, lässt sich die hiermit beschriebene Problematik gut nachvollziehen. Sofern er nun, so meine These, an der Aufgabe scheitert, die Spannung zwischen Fremdheit und Eigenheit produktiv zu machen, vergibt er die im Aneignungsbegriff liegenden Potenziale. Am Aneignungsmodell,​ wie es bei Marx wirksam geworden ist, lässt sich die hiermit beschriebene Problematik gut nachvollziehen. Sofern er nun, so meine These, an der Aufgabe scheitert, die Spannung zwischen Fremdheit und Eigenheit produktiv zu machen, vergibt er die im Aneignungsbegriff liegenden Potenziale.
-ANEIGNUNG UND ENTFREMDUNG+ 
 +**ANEIGNUNG UND ENTFREMDUNG**
  
 Den Marx'​schen Aneignungsbegriff versteht man nur im Zusammenhang mit seinem Gegenbegriff,​ dem der Entfremdung. Zusammengenommen umreißt das Begriffspaar die Kerngedanken dessen, was man als die anthropologisch-ethische Grundlage der Marx'​schen Sozialphilosophie bezeichnen kann. "​Wirkliche Aneignung"​ nämlich, die "​Aneignung der menschlichen Wesenskräfte"​ [3], bedeutet Aufhebung der Entfremdung und umgekehrt, Entfremdung ist verhinderte Aneignung. Wenn so z.B. prominent in den "​Ökonomisch-Philosophischen Manuskripten"​ von 1844 vier Dimensionen von Entfremdung unterschieden werden - die Entfremdung vom Produkt (der Arbeit), die Entfremdung von sich und seinen Tätigkeiten,​ die Entfremdung von den anderen Menschen und das, was Marx die "​Entfremdung vom Gattungswesen"​ nennt -, dann korrespondiert dem jeweils die Idee einer aneignenden Aufhebung dieser Entfremdung. Entfremdung liest sich so als die Störung eines Verhältnisses,​ das man zu sich und zur Welt (sei es die soziale oder die gegenständliche Welt) hat oder haben sollte. Auch hier kommen, vielschichtig wie der Begriff ist, verschiedene Aspekte zusammen: Man besitzt das nicht, was man selber produziert hat, ist also ausgebeutet und enteignet; man verfügt und bestimmt nicht über das, was man tut, ist also machtlos und unfrei; und man verwirklicht sich nicht in seinen eigenen Tätigkeiten,​ ist also sinnlosen, verarmten und instrumentellen Verhältnissen ausgesetzt, Verhältnissen,​ mit denen man sich nicht identifizieren kann und in denen man mit sich entzweit ist. [4] Vom Entfremdungsproblem her gelesen bedeutet Aneignung dann umgekehrt Inbesitznahme,​ Ermächtigung,​ Sinn. "​Wirkliche Aneignung"​ steht für eine Form des "​Reichtums"​ [5], der über die bloße Frage der Verteilung von Besitztümern hinausgeht. [6] Die Pointe des Marx'​schen Entfremdungsbegriffs liegt nun aber in seiner Struktur. Das für den Begriff generell charakteristische Muster von Entfremdung als Trennung oder Abfallen von etwas, mit dem man gleichzeitig verbunden ist (oder sein sollte), wird bei Marx gewissermaßen produktivistisch gewendet: [7] Es geht nicht mehr um das Herausfallen aus einem Ursprung o.Ä., sondern um das Geschehen der Verselbstständigung eigener Handlungsfolgen. Entfremdung ist dann immer Entfremdung von selbst Gemachtem, die Resultate der eigenen Tätigkeit richten sich als "​fremde Macht" gegen ihre Erzeuger. Fremd ist also, was einmal eigen war, weil es selbst gemacht ist. Das ist eine weit reichende Wendung des Entfremdungsbegriffs - mit Konsequenzen für die Möglichkeit von Aneignung. Den Marx'​schen Aneignungsbegriff versteht man nur im Zusammenhang mit seinem Gegenbegriff,​ dem der Entfremdung. Zusammengenommen umreißt das Begriffspaar die Kerngedanken dessen, was man als die anthropologisch-ethische Grundlage der Marx'​schen Sozialphilosophie bezeichnen kann. "​Wirkliche Aneignung"​ nämlich, die "​Aneignung der menschlichen Wesenskräfte"​ [3], bedeutet Aufhebung der Entfremdung und umgekehrt, Entfremdung ist verhinderte Aneignung. Wenn so z.B. prominent in den "​Ökonomisch-Philosophischen Manuskripten"​ von 1844 vier Dimensionen von Entfremdung unterschieden werden - die Entfremdung vom Produkt (der Arbeit), die Entfremdung von sich und seinen Tätigkeiten,​ die Entfremdung von den anderen Menschen und das, was Marx die "​Entfremdung vom Gattungswesen"​ nennt -, dann korrespondiert dem jeweils die Idee einer aneignenden Aufhebung dieser Entfremdung. Entfremdung liest sich so als die Störung eines Verhältnisses,​ das man zu sich und zur Welt (sei es die soziale oder die gegenständliche Welt) hat oder haben sollte. Auch hier kommen, vielschichtig wie der Begriff ist, verschiedene Aspekte zusammen: Man besitzt das nicht, was man selber produziert hat, ist also ausgebeutet und enteignet; man verfügt und bestimmt nicht über das, was man tut, ist also machtlos und unfrei; und man verwirklicht sich nicht in seinen eigenen Tätigkeiten,​ ist also sinnlosen, verarmten und instrumentellen Verhältnissen ausgesetzt, Verhältnissen,​ mit denen man sich nicht identifizieren kann und in denen man mit sich entzweit ist. [4] Vom Entfremdungsproblem her gelesen bedeutet Aneignung dann umgekehrt Inbesitznahme,​ Ermächtigung,​ Sinn. "​Wirkliche Aneignung"​ steht für eine Form des "​Reichtums"​ [5], der über die bloße Frage der Verteilung von Besitztümern hinausgeht. [6] Die Pointe des Marx'​schen Entfremdungsbegriffs liegt nun aber in seiner Struktur. Das für den Begriff generell charakteristische Muster von Entfremdung als Trennung oder Abfallen von etwas, mit dem man gleichzeitig verbunden ist (oder sein sollte), wird bei Marx gewissermaßen produktivistisch gewendet: [7] Es geht nicht mehr um das Herausfallen aus einem Ursprung o.Ä., sondern um das Geschehen der Verselbstständigung eigener Handlungsfolgen. Entfremdung ist dann immer Entfremdung von selbst Gemachtem, die Resultate der eigenen Tätigkeit richten sich als "​fremde Macht" gegen ihre Erzeuger. Fremd ist also, was einmal eigen war, weil es selbst gemacht ist. Das ist eine weit reichende Wendung des Entfremdungsbegriffs - mit Konsequenzen für die Möglichkeit von Aneignung.
Zeile 36: Zeile 37:
 Es liegt nahe, was eine Rekonstruktion des Aneignungsbegriffs zu leisten hat: die Rehabilitierung des Fremden innerhalb des Modells der Aneignung und seine Radikalisierung hin zu einem nichtessenzialistischen Aneignungsbegriff. Aneignung wäre dann ein permanenter Transformationsprozess,​ in dem das Angeeignete durch seine Aneignung erst entsteht - ohne dass man dazu auf den Mythos einer creatio ex nihilo verfallen müsste. Wenn Aneignung demnach ein Verhältnis bezeichnet, in dem man gleichzeitig verbunden und getrennt ist, das Angeeignete immer eigen und fremd zugleich bleibt, hat das Konsequenzen für die (mit dem Aneignungsbegriff verbundene) Emanzipationsidee. Der Anspruch gelingender Welt- und Selbstaneignung bestünde dann nämlich darin, sich die Welt zu Eigen zu machen, ohne dass sie einem immer schon zu Eigen wäre, und sie und das eigene Leben gestalten zu wollen, ohne dabei von totaler Verfügungsmacht auszugehen. Es liegt nahe, was eine Rekonstruktion des Aneignungsbegriffs zu leisten hat: die Rehabilitierung des Fremden innerhalb des Modells der Aneignung und seine Radikalisierung hin zu einem nichtessenzialistischen Aneignungsbegriff. Aneignung wäre dann ein permanenter Transformationsprozess,​ in dem das Angeeignete durch seine Aneignung erst entsteht - ohne dass man dazu auf den Mythos einer creatio ex nihilo verfallen müsste. Wenn Aneignung demnach ein Verhältnis bezeichnet, in dem man gleichzeitig verbunden und getrennt ist, das Angeeignete immer eigen und fremd zugleich bleibt, hat das Konsequenzen für die (mit dem Aneignungsbegriff verbundene) Emanzipationsidee. Der Anspruch gelingender Welt- und Selbstaneignung bestünde dann nämlich darin, sich die Welt zu Eigen zu machen, ohne dass sie einem immer schon zu Eigen wäre, und sie und das eigene Leben gestalten zu wollen, ohne dabei von totaler Verfügungsmacht auszugehen.
  
-**rahel jaeggi**+**Rahel Jaeggi**
  
  
Zeile 42: Zeile 43:
 Anmerkungen Anmerkungen
 [1] Bekanntlich ist bei Locke der Vorgang der "​Aneignung",​ verstanden als Vermengung von etwas mit der "​Arbeit der eigenen Hände",​ die Grundlage und Legitimation des Eigentums. Dabei kennt aber interessanterweise das Englische den Unterschied zwischen Besitzergreifung und Aneignung - beides "​appropriation"​ - nicht. [1] Bekanntlich ist bei Locke der Vorgang der "​Aneignung",​ verstanden als Vermengung von etwas mit der "​Arbeit der eigenen Hände",​ die Grundlage und Legitimation des Eigentums. Dabei kennt aber interessanterweise das Englische den Unterschied zwischen Besitzergreifung und Aneignung - beides "​appropriation"​ - nicht.
 +
 [2] Michael Theunissen, "​Produktive Innerlichkeit",​ in: Frankfurter Hefte extra, Heft 6, Dezember 1984. [2] Michael Theunissen, "​Produktive Innerlichkeit",​ in: Frankfurter Hefte extra, Heft 6, Dezember 1984.
 +
 [3] Es ist nicht ganz leicht zu sehen (und in der Interpretation nicht unumstritten),​ wie sich der Zusammenhang dieser Bestimmungen von Entfremdung für Marx darstellt. Wo im Text eine Abfolge und Entwicklung angedeutet wird, ist gleichzeitig nicht klar, ob diese logisch oder genetisch zu denken ist. Zudem liegt es nahe, sich die Entfremdung vom Gattungswesen nicht als eine weitere Dimension, sondern als Zusammenhang der drei vorher entwickelten Bestimmungen zu denken. Für eine ausführliche Interpretation dieser Fragen siehe u.a. Andreas Wildt, Die Anthropologie des frühen Marx, Doppelkurseinheit Fernuniversität Hagen, 1987. [3] Es ist nicht ganz leicht zu sehen (und in der Interpretation nicht unumstritten),​ wie sich der Zusammenhang dieser Bestimmungen von Entfremdung für Marx darstellt. Wo im Text eine Abfolge und Entwicklung angedeutet wird, ist gleichzeitig nicht klar, ob diese logisch oder genetisch zu denken ist. Zudem liegt es nahe, sich die Entfremdung vom Gattungswesen nicht als eine weitere Dimension, sondern als Zusammenhang der drei vorher entwickelten Bestimmungen zu denken. Für eine ausführliche Interpretation dieser Fragen siehe u.a. Andreas Wildt, Die Anthropologie des frühen Marx, Doppelkurseinheit Fernuniversität Hagen, 1987.
 +
 [4] Auf die soziale Entfremdung übertragen bedeutet das analog: Diese haben instrumentellen Charakter, sind von Herrschaft und (andererseits) Indifferenz geprägt. [4] Auf die soziale Entfremdung übertragen bedeutet das analog: Diese haben instrumentellen Charakter, sind von Herrschaft und (andererseits) Indifferenz geprägt.
 +
 [5] Zu einer ausführlichen und kritischen Auseinandersetzung mit der Marx'​schen Entfremdungstheorie und der hier wirksamen Vorstellung von "​Reichtum"​ siehe auch Georg Lohmann, Indifferenz und Gesellschaft,​ Frankfurt/​M. 1991. [5] Zu einer ausführlichen und kritischen Auseinandersetzung mit der Marx'​schen Entfremdungstheorie und der hier wirksamen Vorstellung von "​Reichtum"​ siehe auch Georg Lohmann, Indifferenz und Gesellschaft,​ Frankfurt/​M. 1991.
 +
 [6] Das Begriffspaar von Entfremdung und Aneignung steht damit für die qualitative Dimension einer Kritik von Selbst- und Weltverhältnissen,​ wie sie innerhalb bestimmter gesellschaftlicher Produktions- und Aneignungsformen herrscht. Der schillernde Begriff des "​Kommunismus"​ gewinnt hier eine Tiefendimension und manchmal einen nahezu utopischen Überschuss:​ Nicht nur eine andere Verteilung des Besitzes, sondern andere Weisen des Besitzens und des Umgangs mit der Welt werden hier entworfen. (Die Anknüpfung an solche Motive lässt sich von Lukács über Adorno bis hin zu Negt/Kluge verfolgen.) [6] Das Begriffspaar von Entfremdung und Aneignung steht damit für die qualitative Dimension einer Kritik von Selbst- und Weltverhältnissen,​ wie sie innerhalb bestimmter gesellschaftlicher Produktions- und Aneignungsformen herrscht. Der schillernde Begriff des "​Kommunismus"​ gewinnt hier eine Tiefendimension und manchmal einen nahezu utopischen Überschuss:​ Nicht nur eine andere Verteilung des Besitzes, sondern andere Weisen des Besitzens und des Umgangs mit der Welt werden hier entworfen. (Die Anknüpfung an solche Motive lässt sich von Lukács über Adorno bis hin zu Negt/Kluge verfolgen.)
 +
 [7] Zu dieser Thematik siehe Peter Furth, Phänomenologie der Enttäuschung,​ Frankfurt/​M. 1991. [7] Zu dieser Thematik siehe Peter Furth, Phänomenologie der Enttäuschung,​ Frankfurt/​M. 1991.
 +
 [8] Und umgekehrt: Entfremdung ist dann immer Entfremdung von etwas, das mir eigentlich zukommt, das mir eigentlich gehört oder zu dem ich eigentlich gehöre, ohne dass sich plausibel machen ließe, worauf diese Verbindung beruht. Die damit verbundenen Probleme kann ich hier nicht diskutieren. [8] Und umgekehrt: Entfremdung ist dann immer Entfremdung von etwas, das mir eigentlich zukommt, das mir eigentlich gehört oder zu dem ich eigentlich gehöre, ohne dass sich plausibel machen ließe, worauf diese Verbindung beruht. Die damit verbundenen Probleme kann ich hier nicht diskutieren.
 +
 [9] Es würde zu weit führen, das hier zu entwickeln. Zu einer fundierten Kritik des Entäußerungsmodells der Arbeit siehe aber E. M. Lange, Das Prinzip Arbeit, Frankfurt/​M./​Berlin/​ Wien 1980. Zur Kritik am Marx'​schen "​Produktionsparadigma"​ als gesellschaftstheoretischer Grundlegung siehe Jürgen Habermas, "​Arbeit und Interaktion",​ in: Technik und Wissenschaft als Ideologie, Frankfurt/​M. 1969. [9] Es würde zu weit führen, das hier zu entwickeln. Zu einer fundierten Kritik des Entäußerungsmodells der Arbeit siehe aber E. M. Lange, Das Prinzip Arbeit, Frankfurt/​M./​Berlin/​ Wien 1980. Zur Kritik am Marx'​schen "​Produktionsparadigma"​ als gesellschaftstheoretischer Grundlegung siehe Jürgen Habermas, "​Arbeit und Interaktion",​ in: Technik und Wissenschaft als Ideologie, Frankfurt/​M. 1969.
 +
 [10] Und dass Marx das zu tun scheint, ist nur eines von vielen Problemen, die man mit dem Arbeitsbegriff haben kann. Siehe zu dieser Diskussion um das Arbeitskonzept und einer Kritik am Modell der Arbeit als "​Telosrealisation",​ Peter Ruben, "​Arbeit als Telosrealisation oder Selbsterzeugung der menschlichen Gattung?",​ in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie,​ Nr. 1, 1979. [10] Und dass Marx das zu tun scheint, ist nur eines von vielen Problemen, die man mit dem Arbeitsbegriff haben kann. Siehe zu dieser Diskussion um das Arbeitskonzept und einer Kritik am Modell der Arbeit als "​Telosrealisation",​ Peter Ruben, "​Arbeit als Telosrealisation oder Selbsterzeugung der menschlichen Gattung?",​ in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie,​ Nr. 1, 1979.