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aneignung_braucht_fremdheit [2012/06/29 13:03]
suendi
aneignung_braucht_fremdheit [2012/06/29 13:06]
suendi
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 Am Aneignungsmodell,​ wie es bei Marx wirksam geworden ist, lässt sich die hiermit beschriebene Problematik gut nachvollziehen. Sofern er nun, so meine These, an der Aufgabe scheitert, die Spannung zwischen Fremdheit und Eigenheit produktiv zu machen, vergibt er die im Aneignungsbegriff liegenden Potenziale. Am Aneignungsmodell,​ wie es bei Marx wirksam geworden ist, lässt sich die hiermit beschriebene Problematik gut nachvollziehen. Sofern er nun, so meine These, an der Aufgabe scheitert, die Spannung zwischen Fremdheit und Eigenheit produktiv zu machen, vergibt er die im Aneignungsbegriff liegenden Potenziale.
-ANEIGNUNG UND ENTFREMDUNG+ 
 +**ANEIGNUNG UND ENTFREMDUNG**
  
 Den Marx'​schen Aneignungsbegriff versteht man nur im Zusammenhang mit seinem Gegenbegriff,​ dem der Entfremdung. Zusammengenommen umreißt das Begriffspaar die Kerngedanken dessen, was man als die anthropologisch-ethische Grundlage der Marx'​schen Sozialphilosophie bezeichnen kann. "​Wirkliche Aneignung"​ nämlich, die "​Aneignung der menschlichen Wesenskräfte"​ [3], bedeutet Aufhebung der Entfremdung und umgekehrt, Entfremdung ist verhinderte Aneignung. Wenn so z.B. prominent in den "​Ökonomisch-Philosophischen Manuskripten"​ von 1844 vier Dimensionen von Entfremdung unterschieden werden - die Entfremdung vom Produkt (der Arbeit), die Entfremdung von sich und seinen Tätigkeiten,​ die Entfremdung von den anderen Menschen und das, was Marx die "​Entfremdung vom Gattungswesen"​ nennt -, dann korrespondiert dem jeweils die Idee einer aneignenden Aufhebung dieser Entfremdung. Entfremdung liest sich so als die Störung eines Verhältnisses,​ das man zu sich und zur Welt (sei es die soziale oder die gegenständliche Welt) hat oder haben sollte. Auch hier kommen, vielschichtig wie der Begriff ist, verschiedene Aspekte zusammen: Man besitzt das nicht, was man selber produziert hat, ist also ausgebeutet und enteignet; man verfügt und bestimmt nicht über das, was man tut, ist also machtlos und unfrei; und man verwirklicht sich nicht in seinen eigenen Tätigkeiten,​ ist also sinnlosen, verarmten und instrumentellen Verhältnissen ausgesetzt, Verhältnissen,​ mit denen man sich nicht identifizieren kann und in denen man mit sich entzweit ist. [4] Vom Entfremdungsproblem her gelesen bedeutet Aneignung dann umgekehrt Inbesitznahme,​ Ermächtigung,​ Sinn. "​Wirkliche Aneignung"​ steht für eine Form des "​Reichtums"​ [5], der über die bloße Frage der Verteilung von Besitztümern hinausgeht. [6] Die Pointe des Marx'​schen Entfremdungsbegriffs liegt nun aber in seiner Struktur. Das für den Begriff generell charakteristische Muster von Entfremdung als Trennung oder Abfallen von etwas, mit dem man gleichzeitig verbunden ist (oder sein sollte), wird bei Marx gewissermaßen produktivistisch gewendet: [7] Es geht nicht mehr um das Herausfallen aus einem Ursprung o.Ä., sondern um das Geschehen der Verselbstständigung eigener Handlungsfolgen. Entfremdung ist dann immer Entfremdung von selbst Gemachtem, die Resultate der eigenen Tätigkeit richten sich als "​fremde Macht" gegen ihre Erzeuger. Fremd ist also, was einmal eigen war, weil es selbst gemacht ist. Das ist eine weit reichende Wendung des Entfremdungsbegriffs - mit Konsequenzen für die Möglichkeit von Aneignung. Den Marx'​schen Aneignungsbegriff versteht man nur im Zusammenhang mit seinem Gegenbegriff,​ dem der Entfremdung. Zusammengenommen umreißt das Begriffspaar die Kerngedanken dessen, was man als die anthropologisch-ethische Grundlage der Marx'​schen Sozialphilosophie bezeichnen kann. "​Wirkliche Aneignung"​ nämlich, die "​Aneignung der menschlichen Wesenskräfte"​ [3], bedeutet Aufhebung der Entfremdung und umgekehrt, Entfremdung ist verhinderte Aneignung. Wenn so z.B. prominent in den "​Ökonomisch-Philosophischen Manuskripten"​ von 1844 vier Dimensionen von Entfremdung unterschieden werden - die Entfremdung vom Produkt (der Arbeit), die Entfremdung von sich und seinen Tätigkeiten,​ die Entfremdung von den anderen Menschen und das, was Marx die "​Entfremdung vom Gattungswesen"​ nennt -, dann korrespondiert dem jeweils die Idee einer aneignenden Aufhebung dieser Entfremdung. Entfremdung liest sich so als die Störung eines Verhältnisses,​ das man zu sich und zur Welt (sei es die soziale oder die gegenständliche Welt) hat oder haben sollte. Auch hier kommen, vielschichtig wie der Begriff ist, verschiedene Aspekte zusammen: Man besitzt das nicht, was man selber produziert hat, ist also ausgebeutet und enteignet; man verfügt und bestimmt nicht über das, was man tut, ist also machtlos und unfrei; und man verwirklicht sich nicht in seinen eigenen Tätigkeiten,​ ist also sinnlosen, verarmten und instrumentellen Verhältnissen ausgesetzt, Verhältnissen,​ mit denen man sich nicht identifizieren kann und in denen man mit sich entzweit ist. [4] Vom Entfremdungsproblem her gelesen bedeutet Aneignung dann umgekehrt Inbesitznahme,​ Ermächtigung,​ Sinn. "​Wirkliche Aneignung"​ steht für eine Form des "​Reichtums"​ [5], der über die bloße Frage der Verteilung von Besitztümern hinausgeht. [6] Die Pointe des Marx'​schen Entfremdungsbegriffs liegt nun aber in seiner Struktur. Das für den Begriff generell charakteristische Muster von Entfremdung als Trennung oder Abfallen von etwas, mit dem man gleichzeitig verbunden ist (oder sein sollte), wird bei Marx gewissermaßen produktivistisch gewendet: [7] Es geht nicht mehr um das Herausfallen aus einem Ursprung o.Ä., sondern um das Geschehen der Verselbstständigung eigener Handlungsfolgen. Entfremdung ist dann immer Entfremdung von selbst Gemachtem, die Resultate der eigenen Tätigkeit richten sich als "​fremde Macht" gegen ihre Erzeuger. Fremd ist also, was einmal eigen war, weil es selbst gemacht ist. Das ist eine weit reichende Wendung des Entfremdungsbegriffs - mit Konsequenzen für die Möglichkeit von Aneignung.
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 Es liegt nahe, was eine Rekonstruktion des Aneignungsbegriffs zu leisten hat: die Rehabilitierung des Fremden innerhalb des Modells der Aneignung und seine Radikalisierung hin zu einem nichtessenzialistischen Aneignungsbegriff. Aneignung wäre dann ein permanenter Transformationsprozess,​ in dem das Angeeignete durch seine Aneignung erst entsteht - ohne dass man dazu auf den Mythos einer creatio ex nihilo verfallen müsste. Wenn Aneignung demnach ein Verhältnis bezeichnet, in dem man gleichzeitig verbunden und getrennt ist, das Angeeignete immer eigen und fremd zugleich bleibt, hat das Konsequenzen für die (mit dem Aneignungsbegriff verbundene) Emanzipationsidee. Der Anspruch gelingender Welt- und Selbstaneignung bestünde dann nämlich darin, sich die Welt zu Eigen zu machen, ohne dass sie einem immer schon zu Eigen wäre, und sie und das eigene Leben gestalten zu wollen, ohne dabei von totaler Verfügungsmacht auszugehen. Es liegt nahe, was eine Rekonstruktion des Aneignungsbegriffs zu leisten hat: die Rehabilitierung des Fremden innerhalb des Modells der Aneignung und seine Radikalisierung hin zu einem nichtessenzialistischen Aneignungsbegriff. Aneignung wäre dann ein permanenter Transformationsprozess,​ in dem das Angeeignete durch seine Aneignung erst entsteht - ohne dass man dazu auf den Mythos einer creatio ex nihilo verfallen müsste. Wenn Aneignung demnach ein Verhältnis bezeichnet, in dem man gleichzeitig verbunden und getrennt ist, das Angeeignete immer eigen und fremd zugleich bleibt, hat das Konsequenzen für die (mit dem Aneignungsbegriff verbundene) Emanzipationsidee. Der Anspruch gelingender Welt- und Selbstaneignung bestünde dann nämlich darin, sich die Welt zu Eigen zu machen, ohne dass sie einem immer schon zu Eigen wäre, und sie und das eigene Leben gestalten zu wollen, ohne dabei von totaler Verfügungsmacht auszugehen.
  
-**rahel jaeggi**+**Rahel Jaeggi**